11. Männer und ihre Gedanken


Leise sprach ich auf unsere aufgelöste Empfangsdame ein. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie diese „verrückte kleine Person“, wie sie sich ausdrückte, nicht aufgehalten hatte. Bei ihren Worten konnte ich mir ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen.

Sobald ich sie beruhigt hatte und sie erleichtert mein Büro verließ, drehte ich mich zu meinem Fenster um und starrte völlig in meinen Gedanken versunken runter auf die Straße. Denn genau diese „verrückte kleine Person“ ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Alice... flüchtig rieb ich mir über meine Lippen. Hmm... ich konnte sie noch schmecken und nur der Gedanke an sie ließ meine Lippen wieder kribbeln...

Ich war gerade die Treppe runter gelaufen, um in der Halle nach dem Rechten zu sehen, als sie mir direkt in die Arme lief. Hätte ich sie nicht reflexartig festgehalten, wäre sie vor Schreck wahrscheinlich rückwärts die Treppe wieder runtergefallen.

Etwas ungehalten über diesen plötzlichen Zusammenstoß wollte ich ihr gerade die Leviten lesen, als sie mich auch schon frech von unten anschaute. Diese blitzenden blauen Augen, in denen der Schalk zu sitzen schien. Ich war gerade dabei, mich in ihnen zu verlieren, da beugte sie sich einfach vor und überraschte mich mit diesem flüchtigen Kuss.

Es durchzuckte mich wie ein Blitz, als ihre Lippen auf meine trafen und ich konnte nicht anders, als sie fest an mich zu ziehen. Ihren kleinen zierlichen Körper, der sich so perfekt an meinen schmiegte. Ihre warmen süßen Lippen auf meinen, ihr Geschmack... ich versank völlig in diesem Moment.

Wenn ich so darüber grübelte, konnte ich bis jetzt noch nicht so ganz verstehen, warum ich das getan hatte. Sonst überlegte ich immer ganz genau, was ich tat oder eben nicht tat.

Und dann ließ mich doch dieses kleine Biest einfach da stehen und hüpfte kichernd die Treppe hoch.
Leicht schmunzelnd fuhr ich mir durch meine Haare. Durch meine Verblüffung hatte sie einen kleinen Vorsprung erhalten und fast hatte ich sie auch schon eingeholt, da stellte Emmett sich mir in den Weg.
Nachdenklich legte sich meine Stirn in Falten. Darüber würde ich mich mit ihm bei der nächsten Gelegenheit unterhalten.

Kaum hatte ich sie dann in Bellas Büro gestellt und ihren Namen erfahren, als sie mir schon wieder entwischte. Das fuchste mich schrecklich. Ich hätte mich doch noch sehr gerne näher mit ihr unterhalten. Deutlich hatte ich diese elektrische Spannung zwischen uns gespürt. In mir brannte dieses Verlangen, sie wieder zu küssen.

Ich stützte meine Hände rechts und links auf dem Fensterrahmen ab und beugte mich leicht vor. Ich verstand mich selber nicht... was faszinierte mich nur so sehr an ihr? Sie entsprach so gar nicht meinem sonstigen Typ... Aber dieses Gefühl, sie in meinen Armen zu halten, sie zu beschützen und als Mein zu erklären, war unermesslich stark.

Ich schwor mir: sollte ich sie gleich noch mal wieder sehen, wenn sie Bella vielleicht zurück in das Büro begleiten würde.... dann würde ich sie nicht noch einmal so einfach entwischen lassen. Nein, ganz bestimmt nicht.

Gerade wollte ich mich vom Fenster abwenden, als ich im letzten Moment ihr Gesicht unten auf der anderen Straßenseite erblickte. Sofort zog sie meinen Blick magisch an und mir wurde bewusst, dass ich insgeheim auf diesen Augenblick gewartet und gehofft hatte.
Ich beobachtete, wie sie Bella, die noch blasser als sonst war, fest an sich gedrückt über die Straße führte.

Aber warum? Was war da los? Mit energischen Schritten verließ ich mein Büro, um Edward und Emmett Bescheid zu geben...




Ich hielt sie in der Hand. Warum wackelte die Karte nur so? Ah... meine Hand zitterte vor Aufregung. Aber da war sie: ihre Telefonnummer. Vorsichtig legte ich sie vor mich auf den Schreibtisch, denn durch das Beben meiner Hand konnte ich die Nummer kaum ablesen.

Ich hielt den Telefonhörer schon in der Hand, da wurde mir bewusst, dass ich nicht wusste, wie ich es am besten anstellen sollte. Mit einem Fluch auf den Lippen legte ich wieder auf. Vor Anspannung hielt es mich nicht mehr am Platz und ich fing an, in meinem Büro auf und ab zu gehen.

Mensch Emmett... reiß dich zusammen.

Das war nur eine Telefonnummer. Wie viele Frauen hatte ich schon angerufen und sie um ein Date gebeten? Oh Mann...
Aber da ging es ja auch nicht um die wunderschöne, heiße Rose... Wenn ich nur an gestern dachte, wie dämlich ich mich da beim Abschied angestellt hatte. Wie ein kleiner Junge hatte ich auf einmal Schiss bekommen und den Schwanz eingekniffen.
Beschämt stöhnte ich auf.

Ich sah es noch genau vor mir... Ich schaute in ihre strahlend blauen Augen, die mich sehr offen und auch einladend angeschaut hatten. Ich gab ihr diesen Handkuss, bei dieser Erinnerung fingen meine Lippen an zu kribbeln.
Ich hätte sie am liebsten gleich an mich gezogen und ihre glänzenden Lippen geküsst.

Ich hatte mich schon vorher stark zusammen reißen müssen, als sie ganz am Anfang ihre lockige Flut an blonden Haaren zur Seite geschoben hatte und mir ihren Nacken darbot. Shit... mein Verlangen, ihr zärtlich in den Nacken zu beißen, war groß gewesen. Wäre Bella nicht in der Nähe gewesen, hätte ich diese Chance wohl ergriffen, denn Roses herausforderndes Lächeln hatte ich wohl bemerkt. Oh ja, ich konnte mir fast schon ihren Geschmack vorstellen.

Mensch Emmett... reiß dich zusammen.

Diesmal hatte es mich aber voll erwischt. Sonst machte ich mir um solche Dinge keine Gedanken. Aber schon als ich ihr die Tür aufmachte und mich in ihren Augen verlor, wusste ich es. Und jetzt...

Im Nachhinein konnte ich es mir auch nicht erklären, warum ich diesen Rückzieher gemacht hatte. Je länger ich darüber nachdachte, um so sicherer wurde ich mir, dass sie mich bestimmt gerne wiedergesehen hätte.
Ich nahm meine Kaffeetasse vom Schreibtisch und trank einen Schluck. Brrr.. kalter Kaffee. Dabei schoss mir ihre Bemerkung über ihren Kaffeegeschmack in den Kopf - `Heiß, stark und süß!' Und schon lief mir ein heißer Schauer über den Rücken.

Mensch Emmett... reiß dich zusammen.

Ich setzte mich wieder an meinen Tisch und nahm grübelnd meinen Kopf zwischen die Hände. Hatte Bella nicht gemeint, ich sollte ein Gentleman sein? Ich lachte kurz auf, oh ja, das lag mir, damit sollte ich keine Probleme haben. Ich war der perfekte Gentleman... ich würde Rose auf Händen tragen...
Wenn sie mir noch eine Chance geben würde.

Da kam mir eine Idee. Schnell schaute ich in meinem elektronischem Telefonbuch nach. Sobald ich die richtige Nummer gewählt hatte und meine Bestellung aufgegeben hatte, wurde mir viel leichter ums Herz. Jetzt musste ich nur noch den richtigen Zeitpunkt abpassen.

Zuversichtlich ging ich wieder an die Arbeit und sah die Angebote der schwedischen Holzlieferanten durch. Doch da klopfte es und Jasper steckte seinen Kopf durch die Tür.




Isabella Swan... Meine Bella... sie ging mir definitiv unter die Haut.
Seufzend fuhr ich mir durch meine Haare. Hätte einer mir vor diesem Wochenende erzählt, dass ich auf dieser Party die Liebe meines Lebens treffen würde, ich hätte ihn ausgelacht. Ich doch nicht... ich war eher der einsame Wolf und meine Frauenbekanntschaften waren eher flüchtig und kurz, mehr hatte ich einfach nicht gewollt. Doch jetzt...

Nachdenklich stand ich an meinem großen Fenster und schaute in die weite Halle hinunter. Gerade war Bella mit ihrer kleinen frechen Freundin Alice gegangen. Vorher hatte sie aber noch eingewilligt, heute Abend mit zu mir zu kommen. Vor Freunde fing mein Herz schneller an zu schlagen. Wenn ich nur an die letzte gemeinsame Nacht dachte. Das Gefühl, sie neben mir zu spüren, sie die Nacht über zu halten, ihr Duft in meiner Nase...

Ich hatte all meine Selbstbeherrschung zusammenkratzen müssen, um nicht ihre Situation damals auszunützen. Es war einfach definitiv der falsche Zeitpunkt gewesen. Gerade hatte sie mir ihr Herz geöffnet und mir von diesem Jacob und dieser Victoria erzählt.
Ich merkte, wie ich vor unterdrückter Wut meine Hände zu Fäusten ballte. Obwohl ich diese Personen nicht näher kannte, hegte ich eine starke Abneigung gegen sie. Sollte Victoria es noch einmal wagen, ihr zu nahe zu kommen, dann würde ich mich nicht noch einmal so im Hintergrund halten, wie im Restaurant. Nein, sicher nicht. Tief durchatmend versuchte ich mich zu beruhigen und löste meine verkrampften Finger. Um meine überschüssige Energie abzubauen, lief ich in meinem Büro hin und her.

Dann der gemeinsame Morgen. Nun wieder schmunzelnd dachte ich an den Augenblick, als sie mir in meinem viel zu großen Hemd und den zerzausten Haaren gegenüber stand. Was für ein Anblick... ihre schlanken, wohlgeformten Beine schauten unter dem Saum hervor und ich wusste ganz genau, was dieses Hemd dort verbarg. Was ich bis jetzt an heißer Unterwäsche bei ihr gesehen hatte, diese Spitze und zarter Stoff... sofort regte sich meine Fantasie. Kopfschüttelnd schob ich schnell diesen Gedanken beiseite.

Frech und herausfordernd hatte sie mich angeschaut. Ich konnte nicht anders, ich hatte sie einfach wieder küssen müssen. Nur mit ihrer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. So wild und hemmungslos... Ich hatte die größte Mühe gehabt, meinen guten Vorsatz einzuhalten und sie nicht in das nächste Bad zu schleifen...
Danach stand ich mindestens fünf Minuten fluchend unter der Dusche, bevor ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.

Ich war wieder an meinem großen Fenster angekommen und ließ meinen Blick über die Arbeiter schweifen.
Und dann eben gerade hier in meinem Büro. Ich hatte mir so fest vorgenommen, dieses Gespräch professionell über die Bühne zu bringen. Doch kaum waren wir alleine, da zog es mich förmlich in ihre Nähe, ich wollte... ich musste sie einfach berühren, ihren Duft einatmen. Als sie dann so einladend ihre Lippen geöffnet hatte, war es um mich geschehen.

Meine Selbstbeherrschung hatte einen gewaltigen Knacks bekommen. Lange konnte ich ihr nicht mehr widerstehen. Ich verfluchte zwar Emmett wegen dieser Unterbrechung, auf der anderen Seite war ich ihm auch enorm dankbar. So sollte unser erstes Mal definitiv nicht ablaufen... und so hätte es bestimmt geendet, auf meinem Schreibtisch! Da war ich mir ziemlich sicher, so berauscht wie wir beide gewesen waren...

Wir mussten dringend über diese Sache sprechen. Mein Gefühle waren so intensiv. Es ging alles so schnell. Oh mein Gott... vor vier Tagen hatten wir uns noch nicht mal gekannt.
Fluchend setzte ich mich wieder hin und schaute auf die Konstruktionspläne direkt vor meiner Nase, ohne sie richtig wahrzunehmen. Ich konnte mich einfach nicht darauf konzentrieren. Meine Gedanken kreisten ständig zu heute Abend und dem bevorstehenden Gespräch und danach...

Wieder drifteten meine Gedanken zu Bella, ihren schokoladenfarbenen Augen, ihren zarten Lippen, ihren Händen in meinem Haar, das Gefühl, ihren Körper fest an meinem gepresst und ihre perfekten Brüste in meinen Händen und zwischen meinen Lippen zu spüren...
Fluchend rutschte ich auf meinem Stuhl rum, um mir eine angenehmere Position zu suchen... So ging das nicht. Ich sprang wieder auf und wollte gerade meine Runde durchs Büro starten, als Emmett energisch meine Tür ohne anzuklopfen aufriss.

„Edward! Jasper hat eben Alice mit Bella aus seinem Fenster heraus beobachtet, wie sie über die Straße liefen. Er meint, irgendetwas würde mit Bella nicht stimmen.“

„WAS!“ Wie eine eiserne Faust umschloss plötzliche Furcht mein Herz. Schon lief ich, ohne auf die beiden zu warten, schnell die Treppe runter, ich nahm immer zwei Stufen auf einmal. Meine Gedanken fuhren Achterbahn. Mein Herz schlug schmerzhaft heftig in meiner Brust. Was war nur geschehen? Sofort fiel mir Victoria ein, wie sie wild entschlossen im Restaurant vor Bella gestanden und sie bedroht hatte...

Bella... mein Blick glitt suchend durch die Halle, da... am Fuß der Treppe stand sie. Kerzengerade und so blass, dass man meinen könnte, sie hätte keinen einzigen Tropfen Blut in ihren Adern. Ich suchte ihren Blick und als sich unsere Augen trafen, verschmolzen unsere Blicke miteinander und ich hörte sie erleichtert seufzen.

Alice hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt und drückte sie fest an sich. Sobald sie mich erblickte, ließ sie Bella los und schon zog ich sie an meine Brust und legte fest meine Arme um sie. Sofort schmiegte sie ihren Kopf an meine Brust und ich bemerkte, dass sie zitterte.

„Bella... schhhhhh“, flüsterte ich ihr ins Ohr. „Alles wird wieder gut … Was ist denn?“

Aber Bella bekam keinen Ton raus. Sie presste sich nur noch dichter an meine Brust. So langsam stieg eine gewisse Panik und Ungeduld in mir hoch. Fragend suchte ich Alice´ Blick, um von ihr zu erfahren, was denn los war.

Doch sie schaute gerade nicht zu mir, da mittlerweile Emmett und Jasper unten angekommen waren. Jasper ging geradewegs auf Alice zu und schaute ihr tief in die Augen und zog sie dann wortlos an seine Brust. Alice wehrte sich nicht, sondern erwiderte sogar seine Umarmung. So standen sie beide bewegungslos da.

Ich schob meine Verwunderung darüber zur Seite und fragte Alice ungeduldig: „Was ist denn nun passiert?“
Alice löste sich leicht aus Jaspers Umarmung, ließ ihn aber nicht ganz los. „Bella hat einen unangenehmen Anruf bekommen...“

„Wer? Sag bloß, Victoria hat sie angerufen?“ Sofort wurde ich richtig wütend und sauer. Was hatte diese verrückte Person nur gegen Bella? Hat sie nicht schon in der Vergangenheit genug Schaden angerichtet? Und was konnte Bella denn nun für ihre neuesten Beziehungsprobleme?

Doch Alice unterbrach meine wilden Gedanken und lachte kurz und trocken auf. „Nein, es war Jacob...“

2 Kommentare:

  1. Ha, ich wusste es! Es war Jacob.
    Hmmm, Review, ja. Also, da verlangst du deinem Leser ja ordentlich was ab. Ein Post und drei Rollen, in die man sich versetzen soll. Aber es funktioniert. Hut ab! Und so viele ineinander verlorene Blicke! Ob das gut geht?
    CB

    AntwortenLöschen
  2. hallo mein liebes stuffelchen,
    jaja männer und ihre gedanken...
    die quirlige alice die jazz den kopf verdreht;) zu lustig.
    die scharfe rose die emmet um den verstand bringt:) wow ich habs noch nie erlebt das man emmet um den verstand gebracht hat:D
    und die liebe bella, die edward den atem raubt. man alles is soooooooooooo perfekt und jake muss ausgerechnet jetzt auftauchen???
    treffen ed und jake eig auchmal auf einander??
    das fände ich voll spannend.
    alles liebe deine Bella♥

    AntwortenLöschen